
Donnerstag, 5. Mai. Im Berufsinformationszentrum der Bundesagentur für Arbeit (BA) in Nürnberg findet eine „Firmenkontaktbörse“ für Schüler_Innen der gymnasialen Oberstufe statt. Anwesend ist neben diversen Konzernvertretern, wie den strahlenden Damen und Herren von Areva, auch der örtliche Wehrdienstberater der Bundeswehr, der die Jugendlichen über die todsicheren Jobperspektiven bei der Bundeswehr informieren soll. Der Infotisch liegt voll mit Hochglanzbroschüren, aus denen einem junge, sympathische Soldaten mit Sturmgewehr im Anschlag entgegen lächeln, und hinter dem Tisch steht neben dem Offizier der Wehrdienstberatung doch tatsächlich noch einer der letzten Wehrdienstleistenden.
Zum Glück habe ich ein paar Schüler_Innen aus meiner Jahrgangsstufe dabei, die nebenbei bemerkt mal wieder zwangsverpflichtet wurde, auf dieser sogenannten „Firmenkontaktbörse“ zu erscheinen. Gemeinsam steuern wir zielstrebig den Bundeswehrstand an und umringen ihn, sodass die Wehrdienstberatung zuverlässig von der Außenwelt abgeschirmt wird. Schon bald ist der Bundeswehroffizier in ein unsinniges Gespräch über Hochglanzbroschüren, Werbekugelschreiber und Töten und Getötet werden in der Bundeswehr verwickelt und kann bei den übrigen Besucher_Innen der Veranstaltung keinen Schaden mehr anrichten.
Der Wehrdienstleistende kann leider nicht mitreden, unsere Fragen sind einfach zu komplex für ihn. Ein Schüler möchte nämlich von ihm wissen, ob in der Bundeswehr auch Schwule dienen. Die wunderbar präzise Antwort: Erst ein „Nein“, dann ein „keine Ahnung“, dann ein hilfesuchender Blick zum Vorgesetzten, von dem dann schließlich ein „Ja“.
Schließlich bemerkt die Bundeswehr dann doch, dass ihre Werbeaktion so nicht funktioniert, und ruft die BA zur Hilfe, um uns hinauswerfen zu lassen. Ein laufender Schrank vom Sicherheitsdienst rückt an und begleitet uns grimmig zum Ausgang.
Nun verlegen wir uns darauf, die mitgebrachten Flugblätter zu verteilen. Von jetzt an betritt kein Besucher mehr die Bundesagentur ohne einen Flyer. Die meisten der Schüler_Innen lassen sich interessiert über die Propagandaveranstaltung der Bundeswehr informieren und nehmen unsere Flugblätter erfreut entgegen.
Nach einiger Zeit beschließen wir zu versuchen, noch einmal in die BA hinein zu kommen. Wir schicken zwei Leute voraus, die Lage sondieren, und die BA teilt uns ausdrücklich mit, dass sie uns tatsächlich noch einmal hinein lässt.
Innen beginne wird nun vor dem Stand der Bundeswehr verteilt. Einem jungen Herrn, der eben noch am Bundeswehrstand stand, will ich mein Material in die Hand drücken, doch der zeigt sich eher wenig interessiert. Aber genau in diesem Augenblick kreuzt erneut jemand von der BA auf und fängt an sich lauthals zu entrüsten. Ich werde erneut hinausgeworfen, mit dem Erfolg das der zunächst abweisende Herr sich auf einmal doch für mein Material interessiert und sich einen Flyer bei mir abholt.
Draußen beginne ich erneut vor dem Eingang zu verteilen..
Zwischenzeitlich kommt der Herr Wehrdienstberater zum Rauchen vor die Tür, wir unterhalten uns ein bisschen und ich sprechen ihn auf die beschriebene Unwissenheit des Wehrdienstleistenden an, um zu erfahren, dass das in der Bundeswehr so üblich ist, die Wehrdienstleistenden müssten das wohl nicht wissen.
Ich verteile weiter, auch wenn die Zahl der eintreffenden Besucher_Innen allmählich abnimmt, bis auf einmal eine Polizeistreife vorfährt. Sie dreht erst mal eine Runde im Kreis über den Platz, um sich schließlich doch vor die BA zu stellen.
Herr Bogner von der Polizei fragt mich – ich halte die Flugblätter in der Hand – scharfsinnig, ob ich hier Flyer verteile. Dann das übliche Prozedere, meine Personalien werden aufgenommen. Auf Nachfrage erfahre ich den Grund. Eventuell liegt der Anfangsverdacht einer Straftat gegen mich vor, wird mir mitgeteilt. Dann verschwinden die Beamten in der BA, um wenig später wieder aufzutauchen. Diesmal teilt man mir mit, es sei alles in Ordnung, ich dürfe weitermachen, außerdem liege doch kein Anfangsverdacht einer Straftat gegen mich vor.
Kurz darauf taucht der Bundeswehroffizier wieder zur Raucherpause auf. Im Gespräch erzählt er mir diesmal, wie gut die Antimil-Arbeit der SDAJ in Nürnberg sei. Schließlich hätten wir einen Stadtratsentschluss erzwungen, der an städtischen Schulen das Schulforum entscheiden lässt, ob die Bundeswehr an die Schule kommen darf oder nicht. Dies sei bundesweit einmalig. Außerdem unterhalten wir uns noch über eine örtliche Schule, an der die Teilnehmerzahl bei den jährlichen Bundeswehrveranstaltungen dank unserer Arbeit immer weiter zurückgegangen ist. Letztes Jahr seien es noch 15 ernsthaft Interessierte gewesen, dieses Jahr noch 5, so die Feststellung des Offiziers. Die Schule lade ihn trotzdem immer wieder ein, deshalb komme er, meint der aus Steuergeldern bezahlte Werbeoffizier mit leicht resigniertem Unterton.
Kaum ist der Bundeswehroffizier verschwunden spricht mich ein junger Mann an und erzählt mir, wie die Bundeswehr ihn geködert hat. Für vier Jahre hat er sich verpflichtet. Da er kein Geld fürs Studium hatte, klangen die Versprechungen der Bundeswehr verlockend. Er wurde nach Afghanistan geschickt, kam drogenabhängig zurück, blieb nach dem Dienst in der Bundeswehr arbeitslos und versucht nun gerade sein Leben wieder zu organisieren. Das sind sie also die sicheren Arbeitsplätze beim Bund.
Als die Veranstaltung nach drei Stunden beendet ist, räume schließlich auch ich das Feld. Meine Flyer bin ich da fast alle los.
Ausblick: 2 Wochen später findet in derselben Bundesagentur für Arbeit ein Aktionstag für Leiharbeitsfirmen statt. Arbeitslose müssen zwangsweise mit einem „Laufzettel“ erscheinen und sich ihre Teilnahme per Unterschrift an mindestens 5 Ständen der Ausbeuterfirmen bescheinigen lassen. Die Gewerkschaft und die örtliche Arbeitsloseninitiative bezieht vor dem Gebäude klar gegen die Veranstaltung Stellung und auch wir sind mit Genossen vor Ort. Als sich zwei hauptamtliche ver.di-Kollegen zum Flyer verteilen vor die Eingangstür stellen bekommen sie vom Sicherheitsdienst zu hören „Aber versperren sie nicht wieder den ganzen Zugang wie vor Wochen die SDAJ….“
© 2009 by SDAJ-Bayern