
Die Stimmung beim diesjährigen Bildungsstreik in Nürnberg war vom ersten Moment an gut bis ausgelassen. Knapp 1000 TeilnehmerInnen demonstrierten bei zwei Demonstrationen durch die Nürnberger Innenstadt, um ihrem Ärger über ungleiche Bildungschancen, Studiengebühren, Ausbildungsplatzmangel, 3-gliedriges Schulsystem und Militär an Schulen Luft zu machen. Ganz bewusst wurde eine der beiden Demonstrationen auf den frühen Abend gelegt, um auch Eltern, Lehrern oder Auszubildenden eine Teilnahme am Bildungsprotest zu ermöglichen. Der Startpunkt des klassischen „Bildungsstreiks“ am Donnerstag Vormittag war der viel-befahrene Rathenauplatz. Von dort ging es stimmungsvoll und laut in Richtung Melanchtongymnasium und staatliche Wirtschaftsschule. Gleich von Beginn an zeigte sich die entscheidende Dynamik der Demonstration, die sich den ganzen Tag hindurch erhalten sollte: dort, wo Demo und TeilnehmerInnen keine Repression erfahren mussten, war die Grundstimmung zwar entschlossen und kämpferisch, aber stets friedlich. Auch Passanten äußerten, gegenüber der Presse und uns, großen Zuspruch für die Ziele und die Motivation des Bildungsstreiks. Es gab aber leider auch andere Situationen, in denen sich die emotionale Stimmung schnell auflud und zu kippen drohte. So etwa, als beim Vorbeizug der Demonstration an der Wirtschaftsschule klar wurde, dass die SchülerInnen dort drin gesetzwidrig festgehalten wurden. Selbstgemalte Zettel an den Fensterscheiben besagten: „wir sind eingesperrt und können nicht raus“ und „bitte wartet auf uns!“. Den SchülerInnen wurde das Verlassen des Schulgeländes nicht nur unter Androhung von Schulverweisen verwehrt, sie wurden dort gegen ihren erklärten Willen eingesperrt. Auch Fluchtwege und Notausgänge wurden vom Hausmeister verriegelt. Rechtliche Schritte gegen die Verantwortlichen werden seitens des Bildungsstreikbündnisses aktuell geprüft.
Erfreulich war, dass sich dennoch SchülerInnen aus dieser Schule in die Demonstration einreihen konnten, teils, weil sie im Erdgeschoss aus dem Fenster kletterten, teils weil sie nach Schulschluss ihr Schulgefängnis wieder verlassen durften und zur Demo stießen. Diese hatte einige Meter weiter derweil Zwischenkundgebung vor der Ohm-Hochschule. Von dort zogen wir weiter, im strahlenden Sonnenschein und lautstark, in Richtung Bahnhof. Unsere Forderung nach Betonung des Gemeinsamen und der Überwindung jeglicher Spaltung unterstrich die Demo eindrucksvoll durch die Mitglieder verschiedener, migrantischer Jugendorganisationen, die enthusiastisch und Parolen rufend die Demo mit anführten.
Kurz hinter dem Bahnhof, mitten in der Südstadt, endete der Bildungsstreik-vorrerst. Denn nun ging es weiter zur nachmittäglichen Workshopphase, zum ausruhen, kennen-lernen, und diskutieren. Beherbergt und verpflegt wurden wir dabei von der alevitischen Jugend, die uns ihre Räumlichkeiten zur Verfügung stellte und für uns kochte. Für manche solidarische Diskussion viel zu früh, machten wir uns gegen 16.30 Uhr auf den Weg zur Abenddemo. Obwohl es den ganzen Tag über friedlich war, rief der gemeinsame Marsch der Workshopteilnehmer vom Kulturhaus zum Auftakt der Abenddemo unangenehme Zeitgenossen auf den Plan. Eine 20 Mann starke Truppe USK suchte an diesem Abend noch nach einer Daseins- Berechtigung, nachdem sie den Demoauftakt bereits am Morgen verzögert hatten. Am Morgen nötigten sie diejenigen SchülerInnen der Peter-Vischer-Schule, die vom „AK für Schulverbesserung“ zur Demo mobilisiert wurden, eine Spontandemonstartion anzumelden, um zum Auftakt laufen zu dürfen, am Abend meinten sie, Vorkontrollen bei so brandgefährlichen Menschen wie der 2. Anmelderin, der Nürnberger GEW-Vorsitzenden oder 16,-jährigen Schülerinnendurchführen zu müssen. Nach einigem hin,-und her Diskutieren, in dessen Verlauf viele Demoteilnehmer auf der anderen Straßenseite ungehindert den Auftakt erreichen konnten, passierten auch die letzten Menschen die vollkommen unangebrachte Vorkontrolle. Los ging es auf der viel frequentierten Maximilianstraße, über den Plärrer bis zum Kornmarkt, wo Gewerkschaftsvertreter die Demonstranten und ihre Forderungen begrüßten.
Alles in allem ein sehr anstrengender, ereignisreicher, vielversprechender,politischer, stimmungsvoller und hoffentlich auch nachhaltiger Tag.
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